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Standpunkt Detlef Bojak - August 2010

Wo bleibt das Sommerloch-Thema?

Ja, wo bleibt das übliche Sommerloch-Thema? Von Westerwelle hört man kaum noch was, nachdem er mit seinem Medien-Theater so richtig auf die Nase gefallen ist. Und sein Partei-Vice und beste Wirtschaftsminister aller Zeiten, Brüderle, hat auch kaum so rechten Erfolg mit seiner Forderung nach Aufgabe der Rentengarantie und einer Neuauflage einer Gastarbeiter-Prämie. Und die Sache in Duisburg ist schon deshalb kein Sommerloch-Thema, weil Menschen zu Tode kamen. Allerdings ist es schon verwunderlich, wie viele Unbeteiligte aus Mitleid zu den unterschiedlichsten Trauerbekundungen greifen, bei Todesfällen, die ihre Ursache, sarkastisch gesagt, in einer Event-Gier hatten. Wie viele Soldaten müssen in selbsteingegangener Pflichterfüllung in Afghanistan noch sterben, um ähnlich viele „Mitleider“ zu mobilisieren?

Was bleibt mir also als Sommerloch-Thema? Da sind ersatzweise ein paar Beobachtungen, Erlebnisse, Zufallsgespräche auf meiner so eventfreien, unspektakulären, fast schon asketischen Urlaubsfahrt mit meinem Wohnmobil in diesem so schönen Reiseland Deutschland.

Also, irgendwo in einem kleinen Ort, auf dem Wohnmobil-Standplatz im Alten Hafen hinter dem Deich an der Nordseeküste, treffe ich auf einen Wohnmobilisten aus dem Kreis Kusel. Sein Wohnmobil ist natürlich wesentlich größer und konfortabler als meines. Auch in diesem Urlaubssegment ist ja inzwischen die Gier nach immer größeren, immer konfortableren Angeboten ausgebrochen. Nach ersten zurückhaltenden Begrüßungskontakten, dann ein „Talk“ unter der ausgefahrenen Markise. Er, Chef eines mittelständischen Handwerksbetriebes mit ca. 8 bis 10 Mitarbeitern. Bei guter Auftragslage kann er sich zeitlich mit seiner Familie einen dreiwöchigen Sommerurlaub leisten. Er war in Schweden, und ist nun auf der Rückreise. Der Betrieb arbeitet dank guter Mitarbeiter durch, gesteuert mit tagtäglichen Handy-Kontakte. Die Kundschaft wird also auch in Urlaubszeiten gut bedient. Einfach nur Sache der Betriebsorganisation. Aber warum dann Urlaub im „eigenen Wohnmobil“, was doch eigentlich viel freie Zeit voraussetzt, um so betrachtet einigermaßen wirtschaftlich zu sein? Die Antwort überrascht. Weil man ja zur Zeit nicht weiß, ob bzw. wie lange noch das Geld sicher ist. Bankenkrise, Wirtschaftskrise hin und her, solch tiefes Mißtrauen in die Sicherheit unseres Euro bei einem leistungsfähigen erfolgreichen Mittelständler hätte ich nun doch nicht erwartet.

Früher auf den angefahrenen Campingplätzen, heute auf den ausreichend vorhandenen Wohnmobilstandplätzen mit „Brötchendienst“, es ist immer das gleiche Ritual. Man ist pünktlich, d. h. vor Eintreffen des mobilen Brötchendienstes schon am Treff da, Männergruppen, Frauengruppen, entsprechende Hasengespräche (saarländischer Ausdruck für belanglose Gespräche), einordnen in eine Warteschlange, sobald die Autohupe ertönt, bei strenger Beachtung, dass keiner sich vordrängelt. Gekauft werden Brötchen, kaum Brot, dazu Kuchenstückchen, mal Butter oder Honig. Und, natürlich die Bildzeitung. „“Bild“, wegen dem Sportteil, wenn auch zunächst die Aufmacher-Seite interessiert. Ja, und so ist man selbst im Urlaub mit „Bild“ im Bilde. Für die Mehrheit unserer Staatsbürger im Urlaub das bedeutsamste Info-Blatt, das dann auch meinungsbildend die Gespräche der gesprächigen Wohnmobilisten bestimmt. Über tags rundet dann, vor allem bei den Frauen, die Regenbogenpresse die „Lesewelt“ auf den Standplätzen ab. Und all das bedeutsame Lesegut findet sich am nächsten Tag in der Papiertonne wieder. Wertstofftrennung ist natürlich auf guten Stellplätzen eine Selbstverständlichkeit.

Und damit komme ich zu meinem Sommerurlaub-Skandalthema, die Fettleibigkeit in unserer Gesellschaft. Nie ist mir bisher dieses Problem unserer Wohlstandsgesellschaft so augenfällig bewusst geworden, wie auf dieser Sommertour. Im normalen Alltagsleben einigermaßen wohl verkleidet, wird das weniger wahrgenommen, was sich da an Fleischfülle an den Nordseestränden, weil alles nur mäßig bedeckt, darbietet. Zugestanden, Veranlagung und Alter sind allbekannte verständliche Gründe für Übergewicht. Erschütternd für mich allerdings anzusehen, dass vorsichtig geschätzt, fast ein Drittel aller Strandgäste, ob jüngere Erwachsene, Jugendliche, Kinder und sogar Kleinkinder sich nicht nur übergewichtig, sondern ausgesprochen fettleibig präsentieren. Kinder, die bereits geh-, nein besser bereits bewegungsbehindert sind. Also kaum noch das erleben können, was zu unserer Kinderzeit als übermütige Tollerei bezeichnet wurde. Dahinwatschelnde Kinder und Jugendliche. Fast ist man geneigt, zu verstehen, warum vor Jahr und Tag der „Ententanz“ so ein Hit wurde. Übrigens, je dicker, umso ungeeigneter das Schuhwerk. Oder, je fettleibiger, umso größer das Verlangen nach ungesundem „Fast-Food-Angebot“. Ein irrsinniger Kreislauf!

Als immer noch überzeugter Vertreter eines Gesundheitssystems auf Solidar-Basis bekommt man dann doch seine Zweifel, ob Solidarität im Gesundheitsbereich nicht eine Einbahnstraße ist, sowohl hinsichtlich der Finanzierung als auch der Pflicht zur persönlichen Gesundheitsvorsorge. Und unabsichtlich drängt sich dem Pädagogen die Frage nach der Leistungsfähigkeit übergewichtiger Schulkinder auf. Oder als Lehrherr, ob man übergewichtige Jugendliche unter Vertrag nehmen kann, zumindest bei bestimmten Ausbildungsberufen. Aber auch als Arbeitgeber -das Antidiskriminierungsgesetz im Hinterkopf- würde ich mir unwillkürlich die Frage stellen, ob der oder die mit Übergewicht überhaupt die erwartete Leistung bringen kann. Früher mal, zu ursozialdemokratischen Zeiten haben unsere Vorväter für ausreichenden Urlaub deshalb gekämpft, damit bei fast unmenschlichen Arbeitsbedingungen genügend Zeit für „neue Kraft schöpfen“ möglich wird. Bei diesem hohen Anteil an Übergewichtigen am Nordseestrand hatte ich kaum das Gefühl, dass Gesundheit im Mittelpunkt des Urlaubs stand. Jedenfalls vom Gesundheitstourismus, vom sanften Tourismus ist all dies weit weg.
„Man gönnt sich doch sonst nichts!“, und bringt eben mal ein paar Pfunde mehr aus dem Urlaub mit nach Hause. Als Pädagoge, als Arzt und auch als verantwortungsbewusster Politiker kann man ob dieser Entwicklung nur noch den Kopf schütteln. Und soll man als altmodischer Sozialdemokrat wirklich nur wegsehen? Aus ästhetischen Gründen bestimmt.

Ja, und dann ist noch das Erlebnis in einem kleinen Ort vor Bremerhaven auf einer Bank auf dem Deich. Ein sich so ergebendes Gespräch mit einem Einheimischen, eben auf dieser Bank, löste mal wieder so richtige Nachdenklichkeit über den derzeitigen Standort unserer Partei aus. Dieser Einheimische, zu dem wir uns gesetzt hatten, hatte wohl das Bedürfnis sich mitzuteilen. Mit 15 Jahren begann er eine Lehre in einem für Bremerhaven so typischen maritimen Großbetrieb. Er arbeitete dort für insgesamt 35 Jahre als treuer Mitarbeiter. Dann kam die Wende, der Betrieb wurde aus welchen Gründen auch immer in den Ostern der Republik verlegt, und er als 50 Jähriger in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Heute langt die Rente nicht, und mit Nebenjobs hält er sich über Wasser. Die SPD, von Jugend auf seine Partei und die seiner Familie, war doch mal die Arbeiterpartei, bis, ja bis Schröder kam. Heute kann er die SPD nicht mehr wählen. Aber wen soll er denn wählen? Und dann die Gewerkschaften, die doch nur für sich selbst sorgen, d. h. für die, die in Arbeit stehen. Wer vertritt von denen noch die Arbeitslosen, die Frührentner?
Wir waren ihm fremd, als wir uns neben ihn setzten. Und dann waren wir uns doch so nahe. Übrigens, über meine Parteizugehörigkeit, über meine politische Arbeit fiel kein Wort. Bremerhaven, das war doch mal eine sozialdemokratische Hochburg.
So hatte ich dann doch noch mein Sommerthema. Und als ich Tage später in meiner Garage, um mal wieder Ordnung zu schaffen, die Wahl-Plakatständer selbstgebauter unverwüstlicher Art eigentlich entsorgen wollte, brachte ich es doch nicht übers Herz. Also nochmals zurückgestellt. Was waren das doch noch für Wahlkämpfe für eine Volkspartei, an die man glaubte und auf deren Spitzenvertreter man vertrauen konnte? (Bk/---)

Sprüche, Pointen, Spitzen

Demokratie ist im Grunde die Anerkennung,
dass wir, sozial genommen, alle füreinander
verantwortlich sind.

Heinrich Mann, deutscher Schriftsteller